Energiewende im Landkreis - Umstellung bis 2040 (16.06.2010)

Antrag der SPD-Kreistagsfraktion zur Kreistagssitzung am 16. Juni 2010

Beschlussvorschlag
1. Der Landkreis Göttingen strebt an, bis zum Jahr 2040 energieautark zu werden. In einem ersten Schritt soll bis zum Jahr 2025 die im Landkreis verbrauchte Energie an Strom und Wärme zu über 50 Prozent aus erneuerbaren Energien bestehen. Der Landkreis Göttingen will damit auch seine Vorreiterrolle als Bioenergieregion festigen und ausbauen.
2. Die Verwaltung wird beauftragt, in Zusammenarbeit mit der Energieagentur Region Göttingen e.V. einen ersten Fahrplan zur Erreichung des 100%-Zieles (Energieautarkie) zu erarbeiten. Dieser Fahrplan dient neben dem bereits vorhandenen Beitrag „Hot Spot Bioenergie-Region“ als Grundlage für die Erarbeitung eines umfassenden Konzeptes zur Energiewende. Der Umweltausschuss ist regelmäßig über den Fortgang bei der Umsetzung dieses Antrages zu informieren.
3. Der Kreistag unterstreicht die federführende Rolle, die die neu gegründete Energieagentur Region Göttingen e.V. zur Erreichung des 100 Prozent-Zieles einnimmt. Die Energieagentur wird gebeten, ein Netzwerk ‚Erneuerbare Energien’ aufzubauen, in dem alle relevanten Akteure eingebunden werden. Das Netzwerk soll an der Erarbeitung eines Konzeptes zur Energiewende aktiv mitwirken. Die Energieagentur soll auch eine landkreisübergreifende Zusammenarbeit beim Ausbau der erneuerbaren Energien gewährleisten und fördern. Die erforderlichen zusätzlichen Projektmittel für die zielgerichtete Arbeit der Agentur stellt der Kreistag gemeinsam mit den Kommunen im Rahmen seiner Möglichkeiten bereit.
4. Der Kreistag bittet die Landesregierung, sich für den Ausbau und die Förderung erneuerbarer Energien einzusetzen. Die Verwaltung und die politischen Entscheidungsträger werden gebeten, sich beim Land Niedersachsen dafür einzusetzen, dass der Landkreis Göttingen eine Modellregion für Energieautarkie wird und Fördermittel des Landes erhält.

Begründung
Dank eines landes- und bundesweit überdurchschnittlich hohen Waldanteils in der Region, des vorhandenen Potentials für den Anbau von Energiepflanzen auf Ackerflächen und der hiesigen Siedlungsstrukturen ist der Landkreis Göttingen in einer guten Position, Wegbereiter eines grünen Wandels in der Erzeugung von Strom, Wärme sowie Kraftstoffen zu werden. Dieser Wandel birgt Chancen für den Klimaschutz und eine starke regionale Wertschöpfung.
Der Landkreis soll eine Energiewende jetzt einleiten und bis 2040 zu einer energieautarken Region werden. Damit werden nicht nur neue Arbeitsplätze geschaffen, die regionale Wertschöpfungskette gestärkt und ein wichtiger Beitrag zu Klima- und Umweltschutz geleistet. Eine energieautarke Region birgt auch enorme Chancen für eine zukunftsfähige Entwicklung des ländlichen geprägten Raumes. Zudem macht sie die Region unabhängiger gegenüber nationalen und internationalen Entwicklung der Energiemärkte. Deshalb ist die Energiewende auch eine Frage von sozialer Gerechtigkeit. Sie bringt die Chance, langfristig bezahlbare Energiepreise zu erreichen. Eine Energieautarke Region wird von der Sächsischen Energieagentur wie folgt definiert: „Eine energieautarke Region nutzt die Potentiale zur Energieeinsparung und Steigerung der Energieeffizienz weitestgehend und deckt den restlichen Energiebedarf im Jahresmittel rein rechnerisch aus regionalen erneuerbaren Energieträgern. Um diesen Idealzustand zu erreichen, werden parallel über einen längeren Zeitraum Maßnahmen zur Einsparung von Energie (Suffizienz), zur Steigerung der Energieeffizienz und zum Einsatz erneuerbarer Energien umgesetzt.
Es geht nicht darum, sich vom vorhandenen Versorgungsnetz zu entkoppeln. Das Ziel ist vielmehr, regional rein rechnerisch genauso viel Energie zu erzeugen wie übers Jahr von der Region verbraucht wird, und zwar in den drei Bereichen Wärme, Strom und Mobilität. Die dazu notwendige Struktur ist ein regionaler Verbund aus dezentralen Energieversorgungsstrukturen, der einen Ausgleich von Energieströmen über ein überregionales Verbundnetz erlaubt.“
Im Strom-Bereich wird der Verbrauch durch Effizienzsteigerungen, Einsparungen und energetische Sanierungen verhältnismäßig verringert. Der Stromverbrauch zu Heizzwecken soll massiv zurückgefahren werden. Der Ausbau der Photovoltaik, der Windkraft sowie der Wasserkraft und ein starker Einsatz für die Kraft-Wärme-Kopplung lassen es realistisch erschienen, dass der Landkreis bis 2040 seinen Strombedarf zu 100 % aus erneuerbaren Energien deckt.
Auch im Bereich der Wärmeversorgung ist das 100%-Ziel möglich. Ein intelligenter Energiemix sowie die Verminderung des Verbrauches an Wärme um fast 50 % durch Energieeffizienz, Gebäudesanierung und Einsparungen sind dafür notwendig. Insbesondere Blockheizkraftwerke, Geothermie und die Biomasse sollen verstärkt für die Wärmeerzeugung genutzt werden. Bei Letzterem muss ein besonderes Augenmerk auf den Konflikt bei der Flächeninanspruchnahme für die Nahrungsmittelproduktion und Biomasseproduktion gelegt werden. Forschungsprojekte in diesem Bereich müssen konsequent unterstützt werden.
Einen besonderen Schwerpunkt soll weiterhin die Bioenergie darstellen. Mit der Gemeinde Jühnde ist im Landkreis schon das erste Bioenergiedorf Deutschlands angesiedelt. Für einen weiteren Ausbau der Bioenergie ist die Region gut geeignet: Der Landkreis bietet die für die Erzeugung nötigen Ressourcen sowie ausreichend Fläche und potentielle Abnehmer. Die hiesigen Hochschulen und Forschungseinrichtungen können bei der innovativen konzeptionellen sowie technischen Entwicklung mitarbeiten.
Zum Energiebedarf zählen neben Strom und Wärme auch die Kraftstoffe. Das 100%-Ziel bis 2040 im Bereich der Kraftstoffe zu erreichen, ist sehr ambitioniert. Es kann nur mithilfe des Einsatzes der Elektromobilität geschafft werden. Der dafür erzeugte Strom muss jedoch umweltfreundlich produziert werden. Des Weiteren liegen enorme Einsparpotentiale im Verkehrsbereich. Durch Car-Sharing-Projekte, die genannte E-Mobilität, die Erhöhung der Fahrradfreundlichkeit sowie ein optimal abgestimmter Bus- und Bahnverkehr können im Bereich der Umstellung der Kraftstoffe auf erneuerbare Energien enorme Erfolge erzielt werden.
Mit dem 100%-Ziel soll auch erreicht werden, dass die CO2-Emissionen im Landkreis Göttingen bis 2040 um fast 50 % gesenkt werden. Das trägt zum Klimaschutz und dem schonenden Umgang mit der Natur bei.
Der Landkreis muss für die Energiewende auch raumplanerisch die notwendigen Voraussetzungen schaffen. Im Regionalen Raumordnungsprogramm müssen die Grundlagen für den Ausbau erneuerbarer Energien im Landkreis Göttingen gelegt werden. Dafür sind alle Energieträger (Sonne, Wasser, Geothermie sowie Wind) zu berücksichtigen.
Um die Energiewende einzuläuten, müssen alle relevanten Akteure an einem Strang ziehen. Zu ihnen gehören die Kommunen, die Stadt- und Gemeindewerke, die Versorger, die Erzeuger, die Forschungseinrichtungen, Organisationen, die sich dem Ziel anschließen wollen, sowie (private) Endverbraucher. Diese müssen in einem Netzwerk „Erneuerbare Energien“ zusammengebracht werden. Für diese Aufgabe eignet sich der Verein Energieagentur Region Göttingen e.V. hervorragend.
Beim Aufbau des Netzwerkes „Erneuerbare Energien“ sollte die Einrichtung eines internationalen Zentrums für Wissenstransfer (Bioenergie-Kompetenzzentrum) umgesetzt werden. In dem Netzwerk soll auch die Initiative „HotSpot Bioenergie Region Göttinger Land“ einbezogen werden.

Im Zusammenhang mit dem zu erarbeitenden Konzept für eine Energiewende soll der Landkreis die Städte und Gemeinden bei der Erarbeitung und Umsetzung eigener Klimaschutzkonzepte unterstützen.